He jet ett nix ze knipse!

„He jet ett nix ze knipse!“ bedeutet auf Eifer Platt soviel wie: Hier gibt es nichts zu fotografieren. Das geschulte Auge von Michael Jaeger entdeckte jedoch in dem kleinen Eifeldorf Loogh vieles das sich festzuhalten lohnte: Seine Menschen und deren Geschichten sind es die dieses Buch zu einem besonderen Dokument Vulkaneifler Geschichte machen.

Loogh in der Vulkaneifel: Portrait einer Dorfgemeinschaft im demographischen Wandel.
Es zeigt die Bewohner von Loogh in würdevollen und authentischen Fotos, gepaart mit handschriftlichen Interview-Texten vom ehem. Bürgermeister Nikla Rätz, einem Vorwort von Rudolf Raetz und Jacques Berndorf. Der Autor und Ideengeber ist der Düsseldorfer People-und Werbe-Fotograf Michael Jaeger, der sich mit seiner Frau in ein altes Haus in Loogh in der Vulkan-Eifel und deren Dorfbewohner verliebt hat. Auf einem der alle 2 Jahre statt findenden Dorffeste entstand die Idee, das gesamte Dorf mit der Fotokamera zu portraitieren, nach dem Motto: Heimat ist in DIR, sonst nirgends!

Vorwort – von Jacques Berndorf

Dieser Landkreis, der Landkreis Vulkaneifel, umfasst 109 Gemeinden mit 60952 Einwohnern.

Sie alle stehen vor gewaltigen Umwälzungen, nichts wird mehr so bleiben wie es war. Unsere Eifel, diese wunderschöne Landschaft mit ihren tiefen Wäldern, den Maaren, den Vulkankegeln, stirbt. Niemand weiß, wie genau es weitergeht. Eines aber ist sicher – und aus diesem guten Grund wurde dieses Buch gemacht: Es entsteht etwas Neues. Der Wandel ist unaufhaltsam, die Brüche sind gewaltig, die mensch- lichen Gemeinschaften im Vulkaneifelkreis werden sich umgestalten müssen, das scheinbar ewige Fließen der Generationen wird stocken, kaum etwas wird beim Alten bleiben.

Wir leiden unter einem massiven Geburtenrückgang, wir leiden unter Überalterung, unter der Abwanderung junger Familien in die Ballungsräume. Es gibt Spielplätze in unseren Dörfern, auf denen kaum noch Kinder spielen. Weil Kinder nicht mehr geboren werden. Bis zum Jahr 2020 wird jeder zweite Arzt in Rente gegangen sein, die Praxen werden leer stehen, junge Ärzte kommen nicht in die Eifel.

Schon jetzt ist die Zahl der leerstehenden Wohn- und Wirtschaftsge- bäude erschreckend hoch. Einer Schätzung zufolge stehen zur Zeit rund 300 landwirtschaftliche Anwesen zum Verkauf. Die Preise sind erstaunlich niedrig, zwischen 50.000 und 70.000 Euro, aber wer kommt und kauft? Der ÖPNV, der Öffentliche-Personen-Nahverkehr, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten, nicht mehr finanzierbar. Er besteht in diesem Landkreis fast ausschließlich aus Schulbussen, die sehr teuer sind. Und zunehmend fehlen die Schüler, die diese Busse benutzen. Was macht die alte Frau, die gebrechlich in einem Dorf festsitzt und zu einem Arzt oder zu einer Behörde will?

Es fehlt an hochqualifizierten, wohnortnahen Arbeitsplätzen, die Versorgungsstruktur mit Breitbandinformation ist lückenhaft, der Segen des Internet hierzulande durchaus nicht komplett. Neue Betriebe siedeln sich deshalb nicht an. Das massive Problem hat längst auch die Kirchen erfasst. Ein Beispiel: 70 Prozent der Einwohner sind katholisch, drei Priester sind zuständig für 27 Kapellen und Kirchen, das hat mit normaler Arbeit nichts mehr zu tun, das grenzt an ein Straflager.

Wir sind zu Recht stolz auf unsere Freiwilligen Feuerwehren, aber Frauen und Männer, die 80, 50 oder 30 Kilometer entfernt arbeiten, können nicht alarmiert werden. Auch da erhebliche Probleme. Probleme auch bei der wachsenden Zahl der Windkraftanlagen, Probleme auch beim ausufernden, nicht enden wollenden Gesteinsab- bau. Nutzungskonflikte nennt das der Fachmann.

Sind wir noch zu retten?

Die Antwort ist: Ja!

Bei uns funktioniert die dörfliche Gemeinschaft noch, die Menschen helfen einander, das Bewusstsein für das eigene Dorf und seine Eigenarten ist hoch. Hilfsbereitschaft steht ganz oben auf der Liste, niemand wird alleingelassen. Gewiss: Zuweilen ist es schwer zu helfen, wenn die Betroffenen ihre Türen geschlossen halten. Aber wir dürfen nicht aufhören, genau hinzuschauen und hartnäckig zu sein. Die Kreisverwaltung hat eine Fachstelle für Demografie, Struktur- und Kreisentwicklung eingerichtet. Dort werden neue Strömungen beobachtet, koordiniert, werden Übersichten gesammelt. Wenn also jemand eine gute Idee hat, rufen Sie dort an!
Wir haben auch erhebliche Vorteile. Zum Beispiel sind Bauplätze billig, das Angebot an Gebäuden ist hoch und akzeptabel. Künstler aus den umliegenden Ballungsräumen können sich hier ansiedeln, Einsamkei- ten suchen und finden, Träume endlich verwirklichen. Wir haben Zweitwohnungen zu bieten, viel Platz für die Seele in einer intakten Natur.
Und ganz nebenbei sagen wir dem Heer der Mütter Dank, die seit Jahrzehnten unermüdlich ihre Sprösslinge von Termin zu Termin fahren. Und vielleicht kann der eine oder andere sich den Kauf eines neuen Autos überlegen, weil er die Möglichkeit hat, in einem anderen Auto mitzufahren, beim Nachbarn. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere für die alte Frau verantwortlich, die zwei Häuser weiter einsam an ihrem Küchentisch hockt und nicht weiß, wie sie in die Kreisstadt aufs Amt kommen soll. Es sind immer die kleinen Dinge, womit die großen ihren Anfang nehmen.

Dieses Bilderbuch ist ein Kunstwerk, unverrückbar die Bilder und Texte, für immer in ihre Form gebracht. Der Fotograf Michael Jaeger aus Düsseldorf zog in die kleine Gemeinde Loogh in der Vulkaneifel und erlebte überrascht und beglückt Dorfgemeinschaft, das Mitfühlen, das Miteinander, das Wir-Gefühl. Er machte die Fotos der Bewohner, er arrangierte nichts, er nahm sie so, wie sie leben, er erzählte die Bilder ihres Lebens. Und er fand einen Erzähler von großem Format, einen alten Mann, der hier aufwuchs und Gott und die Welt kennt, Nikolaus Rätz. Die Beiden suchten und fanden einen Weg, von sich und ihrem Dorf zu erzählen. Hoffentlich ist dieses schöne Buch nicht das erste und letzte aus der Eifel.

Packen wir’s an!

Den ganzen Text von Jacques Berndorf, Nikolaus Rätz, Rudolf Raetz und die Fotografien von Michael Jaeger gibt es im Bildband »He jet ett nix ze knipse! – Loogh in der Vulkaneifel: Portrait einer Dorfgemeinschaft im demografischen Wandel.« der hier bestellt werden kann.

Blick ins Buch:

He jet ett nix ze knipse!
Fotografie: Michael Jaeger
Text: Nikla Rätz, Jacques Berndorf und Rudolf Raetz
Grafik: Axel Schmitz
Gebundene Ausgabe, 120 Seiten
Sprache: Deutsch
Herausgeber | Ortsgemeinde Kerpen · Vulkaneifel
ISBN 978-3-9814113-7-9